Digitalisierung im Berufsalltag: Wie sich das BZR Rorschach-Rheintal den Herausforderungen stellt
Der Kanton St.Gallen will 20 Millionen Franken in die Sanierung des Berufs- und Weiterbildungszentrums Rorschach-Rheintal (BZR) investieren, das war kürzlich in dieser Zeitung zu lesen. Ein aufmerksamer Leser meldet sich daraufhin bei der Redaktion und stellt die geplanten Investitionen infrage, da er gehört habe, dass im BZR hauptsächlich online unterrichtet werde und Lernende ja gar nicht mehr nach Rorschach kämen. «Es ist wie vieles im Leben, die Hälfte davon stimmt, die andere ist nicht richtig», sagt Rolf Grunauer, Rektor des Berufs- und Weiterbildungszentrums Rorschach-Rheintal, mit einem Schmunzeln. Bereits vor Jahren hätten die kantonalen Berufsbildungszentren auf bring your own device (BYOD) umgestellt. Heisst: Lernende bringen ihren persönlichen Laptop in den Unterricht, um diesen im Rahmen von neuen Lehr- und Lernformen einzusetzen.
Während Corona hätten Lernende zwar kurzfristig von zu Hause aus am Unterricht teilgenommen, dies sei aber grundsätzlich nicht die Idee beim BZR. Die Idee sei vielmehr eine Mischung aus Präsenz- und Online-Lernen. Aber nicht von zu Hause aus, sondern in der Berufsschule, am Standort Rorschach unweit des Bahnhofs Stadt. Dieses sogenannte Blended Learning ermögliche es, die Vorteile der jeweiligen Lernformen zu kombinieren «Dafür haben wir Computerräume, die nicht mehr benötigt werden, in offene Lernumgebungen umgestaltet», so der Rektor. Dort gäbe es ruhige Einzelplätze, wo sich Lernende ihren individuellen Lernsettings (Lernpfad) widmen könnten, und Bereiche für Teamarbeiten. Je nach Auftragsvorgabe durch die Lehrpersonen finde Unterricht parallel in den erwähnenten Settings oder klassisch im Schulzimmer statt.
Klassische Bausteine der Wissens- und Kompetenzvermittlung würden nicht ersetzt, sondern durch digitale Elemente didaktisch sinnvoll ergänzt, erklärt Rolf Grunauer. Struktur und Ablauf von Online- und Präsenzphasen würden von den Lehrerinnen und Lehrern vorgegeben. Selbstgesteuertes Lernen und der gemeinsame Austausch mit anderen wechseln sich laut des Rektors ab, sodass nachhaltige Lernergebnisse erzielt werden können.
Eigenverantwortung erhöht sich sukzessive
Ein grosser Vorteil des selbstbestimmten Zeitmanagements sei, dass Lerndauer und Lerntempo an persönliche Fähigkeiten ausgerichtet werden könnten, wodurch die gleichzeitige Schulung von Personen mit unterschiedlichem Wissensstand möglich sei. Bei der 20-minütigen Einführung zu Beginn eines Themas legen Lehrende und Lernende die Basis für das gemeinschaftliche, virtuelle Lernen. Hier werden die zu vermittelnden Inhalte besprochen und organisatorische Fragen geklärt.
Das Setting wird im Laufe der Ausbildungsjahre immer weiter geöffnet. Heisst, zu Beginn gibt es einen geführten Unterricht mit verhältnismässig engen Leitplanken, in der Folge wird der Unterricht individualisiert und die Eigenverantwortung sukzessive gesteigert. Bei selbst durchgeführten Tests erfahren Schülerinnen und Schüler ihren individuellen Wissensstand, was den Lernweg jedes Einzelnen spannend macht. «So sind sie nicht permanent in einem Klassenverband mit grosser Heterogenität unterwegs, die für den Einzelnen unter Umständen gar nicht passt», sagt Grunauer.
Er betont, dass Lernende spätestens im dritten oder vierten Lehrjahr in der Lage sein müssen, Themen selbständig abzuarbeiten. Selbstorganisation und Eigenverantwortung seien ein Teil jener Arbeitsmarktfähigkeit, die in Betrieben und Unternehmen verlangt würden. Die heutige, moderne Arbeitswelt setze soziale und digitale Handlungskompetenzen voraus, die über das hybride Lernen gezielt geschult würden. Die Zusammenführung von klassischer Präsenzlehre und zeitgemässen digitalen Unterrichtsmethoden bedeute, das Potenzial optimal zu nutzen und das Beste der beiden Welten geschickt zu kombinieren.
Chatbots können Lernprozess unterstützen
Künstliche Intelligenz in Chatbots wie ChatGPT sind fester Bestandteil des Alltags und verändern auch die Arbeit von Berufschullehrerinnen und Berufsschullehrern. «LLMs, wie ChatGPT ersetzen die Lehrkraft nicht, diese bekommt aber eine neue Rolle», sagt Rolf Grunauer. Die Wissensvormacht von Lehrerinnen und Lehrern gäbe es in diesem Sinne nicht mehr. Wissen sei heute durch künstliche Intelligenz leicht abrufbar. Wissen und Information bedeute aber noch lange nicht verstehen, können und anwenden. «Diese neuen Möglichkeiten bauen wir ergänzend in den Unterricht ein, mit dem Ziel, Handlungskompetenzen zu erwerben.»
Die Auswahl von Lernmöglichkeiten sei viel grösser geworden. Grunauer erwähnt das Beispiel vom Fernseher. Früher habe es ein paar wenige Programme gegeben, nun könne man aus Hunderten auswählen. Heute sei es auch Aufgabe von Lehrpersonen, aus dieser Fülle von Informationen die richtigen Kanäle auszuwählen. Durch moderne Unterrichtsformen wie Blended Learning hätten Lehrpersonen Zeit für individuelles Coaching und könnten so gezielter im Lernprozess dabei sein. Er betont:
«Eine der grössten Herausforderungen der Bildung ist es heute, clever mit den vielen digitalen Möglichkeiten umzugehen.»
Es sei längst keine Frage mehr ob, sondern vielmehr wie damit umgegangen werde. Schülerinnen und Schüler müssten so begleitet werden, dass diese die neuen Tools kompetent anwenden könnten und gleichzeitig produktiv blieben.
Es ist nicht nur ein Lernprozess für Lernende, sondern auch für Lehrende. Die Herausforderungen für Lehrpersonen sind extrem vielschichtig geworden, praktisch im Wochenrhythmus kommen neue digitale Anwendungen hinzu, die man berücksichtigen muss. Lehrpersonen sind heute Arrangeure von guten Lehr-Lernsettings. Dies auch im Wissen, dass Lernende heute sehr viel schneller zu Informationen kämen. Als ChatGPT im November 2022 aufgetaucht sei, hätten erste Lernende kurz darauf locker flockig eindrucksvolle Arbeiten abgegeben, aber selbst kaum etwas davon verstanden, was drin gestanden sei. Lehrende stünden diesbezüglich vor der Aufgabe, darauf zu achten, von Schülerinnen und Schülern nicht links und rechts überholt zu werden. «Trotz all dieser Veränderungsprozesse gelingt es uns relativ gut, die neuen Herausforderungen zu meistern», so Grunauer.
Bericht: St. Galler Tagblatt, Rudolf Hirtl