«Demokratie fährt ein» – per Schulbus
Schulbusse kennt man, speziell die senfgelben Gefährte, die in den USA landesweit seit Jahrzehnten im Einsatz sind. Aber von einem St. Galler Demokratiebus, der zu den Schulen fährt, haben erst die wenigsten gehört. Spätestens mit dem kommenden Schuljahr ab August dürfte sich dies ändern: Dann soll ein so benannter Bus, markant eingefärbt (womöglich senfgelb) und beschriftet, auf Schweizer Strassen und Schulhöfen bald einmal zu einem vertrauten Bild werden.
Noch gibt es den Demokratiebus nicht physisch, doch seine Wirkung im Dienst der politischen Bildung haben rund 200 Schülerinnen und Schüler in sechs Gemeinden in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Bern testweise bereits erfahren. Das von der Fachstelle Demokratiebildung und Menschenrechte der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG) entwickelte mobile Bildungsangebot steht bereit, wenn auch das Gefährt noch fehlt. «Wir sind im Rollout, aber ohne Rollmaterial», wie Projektleiter Nicolai Kozakiewicz neudeutsch schmunzelnd sagt.
Die Raumplanung der Gemeinde mitgestalten
Unter dem knackigen Titel «Demokratie fährt ein» verspricht das Bus-Projekt politische Bildung für Kinder und Jugendliche über die staatskundliche Wissensvermittlung hinaus. Das Erlernen der Demokratie und der eigenen Möglichkeiten in dieser nicht selbstverständlichen Staatsform sei «in Zeiten von Fake News, globalen Konflikten und autoritären Bewegungen aktueller denn je», heisst es auf der Website (www.demokratiebus.ch). So fest die politische Bildung spätestens seit dem Lehrplan 21 in der Volksschule installiert ist, so sehr ist sie zu oft blosse, auswendig gelernte Staatslehre. «Der Demokratiebus stärkt das Lernen unseres politischen Systems, in dem er es nicht als abstrakten Theorieblock, sondern als konkrete Erfahrung vermittelt», sagt Kozakiewicz. In Lernarrangement-Formaten wie «Wie wird die Schweiz regiert?» oder «Wir verändern unsere Gemeinde», wie sie in Gossauer und Amriswiler Sekundar- und Realklassen erprobt wurden, bilden sich Jugendliche aufgrund realer Themen ein Urteil, sie analysieren Konflikte, debattieren fair Standpunkte, entwickeln eigene Vorschläge und erleben, so Kozakiewicz, «dass ihre Stimme in der Schule oder Gemeinde etwas bewirken kann».
Im günstigsten Fall führt die Auseinandersetzung etwa mit der Raumplanung zu Vorschlägen zuhanden der Gemeinde. «Service Learning» lautet das Stichwort, gemeint das Erlernen im Handlungsspielraum – mit Projekten, die tatsächlich umgesetzt werden könnten. Wo es hier um «Problem erkennen, Betroffene einbeziehen, Lösungen entwickeln» geht, erhalten Lehrpersonen mit dem Format «Jetzt wird debattiert» eine Handlungsanleitung um eine aktuelle Abstimmungsvorlage oder andere kontroverse Fragen zu thematisieren, samt Analyse der Kampagnen und Reflektion der Interessen und des eigenen Entscheids.
«Genau in solchen Situationen wird Demokratie gelernt», sagt der Projektleiter. «Am Ende soll eine Schule nicht einfach sagen: Wir hatten Besuch vom Demokratiebus. Sondern: Wir haben neue Werkzeuge, Beteiligungsformen und mehr Sicherheit, politische Fragen mit Jugendlichen offen, vertieft, kritisch und fair zu bearbeiten.» Wenn Jugendliche sich mit ihrer Teilnahme an der Politik als wichtigen Teil der Gemeinschaft oder gar Gesellschaft begriffen, sei viel erreicht. Der mit Mitgliedern der Fachstelle sowie Studierenden besetzte Demokratiebus kommt auf Einladung der Schulen, angestrebt wird eine Mitwirkung von zwei Tagen, idealerweise nehmen zwei Klassen pro Halbtag, also gesamthaft acht Klassen teil. Zusätzlich ist ein halber Tag für Lehrpersonen, Teams und Schulleitungen erwünscht, um eine langfristige Wirkung zu erzielen. Kozakiewicz, der als Wirtschaftspädagoge ein Jahrzehnt an der Kanti unterrichtete und heute das Didaktische Regionale Zentrum in Gossau leitet, weiss um die grosse Herausforderung der Lehrpersonen, im Klassenzimmer kontroverse Themen aufzugreifen und «was diese im Elternhaus auslösen können» – erst recht in einer zunehmend bipolaren Gesellschaft. Umso wichtiger sei es, ihr Selbstbewusstsein zu stärken.
Ähnlich wie derzeit punkto Religion diskutiert (Stichwort «Kopftuchverbot»), dürfen Lehrpersonen ihren politischen Standpunkt durchaus kenntlich machen, so sie diesen ihren Schützlingen nicht aufdrängen. «Die politische Bildung darf nicht an der Angst vor politischen Themen scheitern», sagt Kozakiewicz.
Namhafter Beitrag aus St. Galler Lotteriefonds
Die vor fünf Jahren entstandene Idee des Demokratiebusses entspricht der Erkenntnis, dass Politik in der Schule nicht nur erlernt, sondern mit demokratischem Handeln erfahren werden müsse, sagt Johannes Gunzenreiner, Co-Leiter der Fachstelle Demokratiebildung und Menschenrechte. Gunzenreiner gehört wie auch sein Co-Leitungskollege Thomas Metzger dem fünfköpfigen Projektteam an. Die 2015 gegründete Fachstelle geht in ihrer Tätigkeit von einem breiten Verständnis von politischer Bildung aus. Damit strahlt sie über das Fachpublikum in die Öffentlichkeit aus, jüngst etwa mit dem preisgekrönten Projekt «Zug in die Freiheit».
Das Demokratiebus-Projekt wurde in seiner ersten Phase von Stiftungen und wesentlich von der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons St. Gallen (GGK) unterstützt, die mit der PHSG bereits in der Aufarbeitung der Sozialgeschichte des Kantons zusammenspannt. Für die Finanzierung der Phase ab Sommer 2026 wurden weitere Stiftungen angefragt. Erfolgreich war der Antrag beim Lotteriefonds des Kantons St. Gallen. Regierung und vergangene Woche der Kantonsrat bekräftigten mit den bewilligten 120’000 Franken die Bedeutung des Projekts: «Die Förderung von Themen zu den Grundsätzen der Demokratie, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit sind im Interesse des Kantons.» Das Projektteam hat auch Lotteriefondsanträge in den Kantonen Thurgau, Appenzell Ausserhoden und Innerrhoden gestellt. Die Drittmittel helfen, die Kosten für die Schulen zu senken. Auch die PHSG beteiligt sich mit 80’000 Franken am Projekt.
Nun fährt der Demokratiebus zunächst ausgewählte Schulen der Sekundarstufe 1 an. Jedoch soll er langfristig auch in Primar- und weiterführenden Schulen zum Einsatz kommen, wie Gunzenreiner erklärt. Interessieren dürfte das Angebot speziell auch Berufsschulen wie jene in Rorschach, wo regelmässig «Politforen» mit Kantonsratsmitgliedern stattfinden und wo der dort tätige Berufsschullehrer Martin Buschor sein «Bundeshausmodell» zur Veranschaulichung des Schweizer Politsystems entwickelt hat.
Physisch gibt’s den Demokratiebus noch nicht. Gesucht wird ein Kleinbus mit Lieferwagengrösse, im besten Fall ein gespendeter Bus. Je origineller seine Gestaltung, desto mehr «fährt die Demokratie ein» – und eröffnet Perspektiven.
Bericht: St. Galler Tagblatt, Marcel Elsener