10.12.2020, Blog

BZR Rorschach: Umstrittener Entscheid der Regierung

Das Berufs- und Weiterbildungszentrum in Rorschach (BZR) soll mittelfristig gemäss Entscheid der Regierung einem Kompetenzzentrum für Gesundheitsberufe weichen. Dagegen wehren sich die Mitglieder der Berufsfachschulkomission (BFSK) und der Schulleitung. Sie unterzogen den Regierungs-Beschluss einem Faktencheck, der die Argumente der Regierung in vielen Bereichen widerlegt. Inzwischen wurde von den Fraktionen der CVP-EVP, SP und Grünen eine dringliche Motion im Kantonsrat eingereicht.

Ende Oktober teilte das Bildungsdepartement des Kantons, St.Gallen mit, dass das BZR/WZR Rorschach mittelfristig geschlossen werden und einem Kompetenzzentrum für Gesundheitsberufe weichen soll. Begründet wurde der Entscheid mit einer «Optimierung der Berufsbildungsstandorte» und dass die Regierung eine «qualitativ hohe Ausbildung – vor allem im Gesundheitsbereich» – sicherstellen wolle. Daher soll die Ausbildung der Gesundheitsberufe von St.Gallen nach Rorschach verlegt werden und zwar an den Standort des jetzigen Berufs- und Weiterbildungszentrums. Vom Entscheid überrascht waren sowohl die Mitglieder der Berufsfachschulkommission als auch die Leitung und die Dozierenden des BZR und WZR Rorschach, die ohne Vorwarnung vor vollendete Tatsachen gestellt wurden.

Faktencheck hält Regierungsargumenten nicht stand
Die CVP-EVP-Fraktion wandte sich mit einer einfachen Anfrage an die Regierung, in deren Folge anfangs November ein Treffen mit einer BZR-Delegation und Regierungsrat Kölliker stattfand. Dabei ging es darum, aus erster Hand konkrete, verbindliche Hintergründe und Fakten des Beschlusses zu erfahren. Die von der Regierung dargelegten Begründungen wurden daraufhin einem genauen Faktencheck unterzogen, in dem etliche Aussagen/Begründungen der Regierung in vielen Punkten widerlegt wurden.

11 von 15 Berufen werden nicht an benachbarten Schulen gelehrt
So wurde beispielsweise behauptet, dass der Berufsbildungsstandort Rorschach gestärkt werden solle. Fakt sei aber, dass mit dem BZR/WZR eines der grössten, gut funktionierenden und wirtschaftlich erfolgreichen Berufs- und Weiterbildungszentren des Kantons geschlossen werden soll. 2300 Lernende der Grundbildung sowie über 100 Lehrpersonen würden auf die verbleibenden Berufsfachschulen verteilt werden. Ein weiteres Regierungsargument ist, dass die meisten der am Standort Rorschach gelehrten Berufe auch an benachbarten Berufsfachschulen verankert seien. Gemäss Angaben der BFSK würden tatsächlich aber 11 von 15 Berufen nicht an benachbarten Berufsfachschulen, sondern einzig am BZR Rorschach angeboten werden: Diese sind: Fahrzeugschlosser EFZ, Carrossier Spenglerei EFZ, Feinwerkoptiker EFZ, Produktionsmechaniker EFZ, Logistiker EFZ, Logistiker EBA, Gärtner EFZ, Gärtner EBA, Floristen EFZ, Kaminfeger EFZ und Fleischfachassistent EBA. Auch die angeblich tiefe räumliche Auslastung des BZR in Rorschach dient der Regierung als Begründung für den Standortwechsel. Fakt sei aber, dass die Auslastung mit rund 90 Prozent sehr hoch sei. Auch die Argumentation, dass der Kanton Thurgau entschieden habe, eine grosse Zahl der bisher in Rorschach beschulten Lernenden in den eigenen Kanton abzuziehen, hält dem Faktencheck nicht stand, da sich der Weggang lediglich auf 200 von total 2300 am BZR (davon 1700 am Standort Rorschach) beziehe und damit unbedeutend sei. Weitere Faktenchecks mit ähnlich widersprüchlichen Ergebnissen bezogen sich unter anderem auf den angeblichen dringenden Sanierungsbedarf an der Infrastruktur sowie auf betriebswirtschaftliche Verbesserungen, die mit der Verlagerung des BZR einher gingen.

Motion verlangt Vorlage eines Gesamtkonzepts
Die Fraktionen von CVP-EVP, SP und Grünen haben an der vergangenen Kantonsratssession nun eine dringliche Motion eingereicht, die mit klarer Mehrheit im Kantonsrat angenommen wurde. Darin wird verlangt, dass vor solchen Beschlüssen ein Gesamtkonzept vorliegen muss, welches im Moment offenbar noch nicht vorhanden ist. Dies, obwohl Regierungsrat Kölliker bereits vor eineinhalb Jahren den Auftrag erhalten hat, einen umfassenden Bericht zu den Berufsschulen vorzulegen. Damit wird die Regierung eingeladen, umgehend die rechtlichen Grundlagen zu schaffen, damit massgebliche Standortentscheide im Bereich der Berufsbildung erst gefällt werden, nachdem im Rahmen eines Postulatsberichts ein entsprechendes Gesamtkonzept vorgelegt und im Kantonsrat diskutiert worden ist. Sie blockiert im Moment die Regierung in der Umsetzung ihres Beschlusses. Nötigenfalls ist dabei auf den bereits gefällten Entscheid zurückzukommen.

Astrid Nakhostin, Bodenseenachrichten